Dadora

Marktforschung: Tourismus und Reisen in Zeiten von Corona. Teil 1: Urlaubslust und Reisefrust

Veränderung der Bedürfnisse von Reisenden durch Corona

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Die ersten Flieger nach Mallorca heben ab. Und die Deutschen entdecken zwangsweise das eigene Land neu. Wir haben in die Daten geblickt: Wie Corona unmittelbar den Tourismus und die Reiseplanung beeinflusst. Es ist eine Momentaufnahme. Und ein Fingerzeig für Trends in der Reisebranche.

Tourismus und Reisen in Zeiten von Corona - eine Marktforschungsstudie. (Illustration: Mike Schöllhorn)

Eines vorweg: Für den folgenden Artikel haben wir die Reisebedürfnisse der Deutschen mithilfe von Big Data und Natural Language Processing ausgewertet. Als Basis unserer Erkenntnisse dienen uns insgesamt etwa 2,7 Millionen öffentlich zugängliche Diskussionen in großen deutschen Reiseportalen von rund 160.000 Forennutzern übers Thema Reisen. Sie wurden für ein gemeinsames Projekt mit der Union Reiseversicherung/ Union Krankenversicherung (URV/UKV) zur Analyse von Reisebedürfnissen ausgewertet. Die Diskussionen sind über einen Zeitraum von Anfang 2003 bis Mai 2020 entstanden.

Die Daten sind anonym, der Inhalt aber ist echt und unbeeinflusst von außen. So ergibt sich ein reales Bild der Wirklichkeit und Stimmungslage der Menschen in Deutschland. Tiefer liegende Themenzusammenhänge werden in der Auswertung sichtbar, die sowohl die rationale wie auch emotionale Ebene widerspiegeln.

Wir unterscheiden zwei große Gruppen von Reisenden: Pauschaltouristen und Individualreisende. Natürlich leben wir in einer Welt der Zwischen- und Grautöne und nicht jeder Pauschali (wie wir ihn und sie liebevoll nennen) bucht jeden Urlaub als Komplettpaket vom Reiseveranstalter. Aber für die Analyse hilft diese grobe Unterscheidung, denn die Bedürfnisse beider Gruppen sind sehr unterschiedlich.

Pauschaltouristen: Ob Malle oder Madrid — Hauptsache Türkei!

Bei den Pauschalis ist grundsätzlich alles dem Diktum der Stressvermeidung unterworfen. Das Budget im Kopf, das ungefähre Reiseziel im Blick (irgendwas mit Strand und Sonne), so soll die Reisebuchung schnell und unkompliziert vonstattengehen. Dann kann der Urlaub beginnen.

Die wichtigsten Reisebedürfnisse von Pauschaltouristen von Anfang 2003 bis Ende 2019. Die Daten wurden mit freundlicher Zustimmung der URV/UKV zur Veröffentlichung freigegeben (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).

Corona und die damit verbundenen Reisebeschränkungen haben vielen Plänen jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im Vergleich zu Individualtouristen (dazu gleich mehr) fallen die Pauschalis aber weicher. Solange die Entspannung am Strand sichergestellt wird, ist das Reiseziel letztendlich beliebig: Hauptsache Cocktail in der Hand, Sand unter den Füßen und die richtige Hotelkategorie. Hedonismus pur.

Der Reiseveranstalter übernimmt die Organisation und Lösung von Problemen, das bewährt sich vor allem in so unsicheren Zeiten wie jetzt. Die Pauschalis sind also happy, solange Reisen angeboten werden und Reiseänderungen kostenneutral möglich sind, sodass sie auf plötzliche Corona-Einschränkungen reagieren können.

„Seit das mit Corona losging haben wir gesagt, wir fliegen, komme was wolle. Stornieren kommt nicht infrage, da man sowieso nichts erstattet bekommt. Wir machen nur eine Planänderung, wenn der Reiseveranstalter was anderes entscheidet oder eine Empfehlung gibt."

(O-Ton Pauschaltouristin)
Die wichtigsten Reisebedürfnisse von Pauschaltouristen während der Corona-Pandemie von Januar bis Mai 2020 (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).

Aufgrund der Daten ergeben sich für uns zwei Potenzialfelder für neue, möglicherweise innovative Angebote für Pauschaltouristen: Die Frage Wer gibt mir Sicherheit, dass ich meine geplante Reise möglichst kostenneutral ändern kann, wenn Corona eine Planänderung erfordert? beschäftigt die Pauschalis ungemein, daher braucht es hierfür Antworten. Corona muss also in die Reiseplanung integriert werden.

Auch eine wichtige Frage: Wie vermeide ich, dass ich im Urlaub oder nach dem Urlaub in Quarantäne muss? Gerade Pauschalis haben nur eine begrenzte Zeit im Jahr für den Urlaub und wollen ihn in vollen Zügen auskosten. Muss man jetzt plötzlich kurz vor oder während der Reise in Quarantäne, kommt es zum Super-GAU: Statt Entspannung am Strand zwei Wochen Quarantäne in den eigenen vier Wänden oder gar am Urlaubsziel und das Geld in den Sand gesetzt. Statt sich selbst.

„Ich wollte morgen nach Ägypten fliegen, werde die Reise aber nicht antreten. Was, wenn ich dort positiv auf Corona getestet werde und dann zwei Wochen in Quarantäne muss?! Oder jemand im Flugzeug oder auf der Anlage hat es und alle müssen in Quarantäne? Die zusätzlichen Kosten muss ich dann auch noch zahlen. Nein danke!“

(O-Ton Pauschaltourist)
Draußen ist Urlaub, drinnen nur schnöde Quarantäne.

Individualreisende: Fällt ein Dominostein, fällt alles.

Ein großes Charakteristikum der Individualis (ja, wenn die Pauschaltouristen einen Spitznamen bekommen, müssen die anderen auch daran glauben) ist ihre Reisemotivation: Sie wollen fernab der Touristenströme Land und Leute kennenlernen, in die Kultur eintauchen, mit Einheimischen in Kontakt treten und einzigartige Reiseerfahrungen sammeln, da kommt die Entspannung dann ganz von alleine.

Die individuelle Reisevorbereitung und -buchung ist dabei Teil der Urlaubs(vor)freude und wichtiges Element der Reise. Daher überlassen Individualis sie keinem Veranstalter, sondern stellen sie sich selbst zusammen: Sie buchen Flüge über Onlinebuchungsportale, reservieren Hotels oder Mietwagen in Eigenregie.

Die wichtigsten Reisebedürfnisse der Individualreisenden von Anfang 2007 bis Ende 2019 (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).

Wer sich in den vergangenen Wochen auf deutschen Reiseforen herumtrieb, dem schallte daher geballter Frust entgegen. Klar, denn Corona offenbarte die Tücken dieser eigenständigen Reisebuchung: AGBs von Buchungsportalen schließen das Erstatten von Flügen aus, auch wenn die Fluggesellschaften Stornos (bei Direktbuchungen) gewähren. Service-Hotlines sind nicht ausreichend besetzt, sodass viele Reisende auch Wochen später noch auf Antwort warten.

„Ausgerechnet jetzt in der schwierigen Zeit von Covid-19 ist man auf Hilfe und Austausch mit dem Buchungsportal angewiesen. Mitnichten! Wartezeiten am Telefon von eineinhalb Stunden bis mal ein Kontakt zustande kommt. Keine Antworten auf Anfragen via E-mail.“

(O-Ton Individualreisende)
Die wichtigsten Reisebedürfnisse von Individualtouristen während der Corona-Pandemie von Januar bis Mai 2020 (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).

Reservierte Hotels vertreten den Standpunkt, das Hotel habe geöffnet und könne genutzt werden, selbst wenn gestrichene Flüge und verbotene Grenzübergänge eine Anreise unmöglich machen. Dasselbe passiert bei Mietwagen und anderen Reisebausteinen. Vorfreude weicht Ärger und Unsicherheit — Corona macht einen Strich durch alle Planbarkeit. Umso wichtiger werden verlässliche Informationen über Corona-Entwicklungen vor Ort, wie über aktuelle Handhabungen von Einreiseverfahren oder Quarantänevorschriften.

Insgesamt sehen sich Individualis mit einer volatilen, kaum planbaren Reisesituation konfrontiert. Die Daten zeigen, dass viele Fernreisen deshalb erst einmal aufs nächste Jahr vertagt werden, denn für das Reiseziel haben sich die Individualis ja in der Regel bewusst entschieden. Anders als bei den Pauschalis ist das Reiseziel nicht beliebig, einen sinnvollen Reiseersatz im Ausland zu finden, fällt schwer.

Die Sehnsucht nach einem kulturellen Reiseerlebnis aber bleibt! Um Planungssicherheit zu haben und spontan auf lokale Corona-Einschränkungen reagieren zu können (wer sich etwa schon immer mal das barocke Wasserschloss Holte im Kreis Gütersloh anschauen wollte, muss das aktuell verschieben), werden spontanere Reisen in Deutschland oder leicht zu erreichenden, angrenzenden Staaten geplant.

Der bereits seit längerer Zeit zu beobachtende Trend zu selbstbestimmten Reiseformaten wie etwa das Urlauben im Wohnmobil, mit dem Camper und seit Neuestem auch mit dem Hausboot erhält durch Corona einen deutlichen Schub:

Trendanalyse aller Diskussionen von Individualtouristen seit 2015, die sich um »Camper« drehen: Relevanzsteigerung von Campern um +293 % (Berechnung der linearen Regression) bei insgesamt 1.036 Diskussionen (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).
Trendanalyse aller Diskussionen von Individualtouristen seit 2015, die sich um »Wohnmobile« drehen: Hier sehen wir eine Relevanzsteigerung von Wohnmobilen um +288 % (Berechnung der linearen Regression) bei insgesamt 897 Diskussionen (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).
Trendanalyse aller Diskussionen von Individualtouristen seit 2015, die sich um »Hausboote« drehen: Hier sehen wir eine Relevanzsteigerung von Hausbooten um +419 % (Berechnung der linearen Regression) bei insgesamt 78 Diskussionen (Marktforschung Tourismus, Reisen und Corona).

„In diesem Jahr werde ich wohl keine Reise mehr antreten und wenn, dann nur in Deutschland und mit dem Wohnmobil.“

(O-Ton Individualreisender)
Ist ja auch mal schön, so direkt am Wasser, ohne Strandtuchverkäufer*innen.

Und nun: Wie sieht sie aus, die Zukunft des Reisens?

Wir vermuten, dass der Individualtourismus in exotischeren Ländern länger und tief greifender an den Folgen der Corona-Krise leiden wird. Selbst wenn 2021 der Großteil der Deutschen (hoffentlich) geimpft oder durchseucht ist, stellen sich noch immer Fragen: Kann ich bei so vielen unsicheren Faktoren das Reiseerlebnis mit Land und Leuten haben, das ich mir wünsche, oder überwiegt der Stress? oder Stecke ich mich auf Bali mit einem mutierten Corona-Virus an? 
Es wird dauern, bis das Gefühl der Planungssicherheit auch bei Fernreisen wiedergekehrt ist.

„Die aktuelle Lage überfordert mich total. Das ist nur noch Stress und hat mit Urlaub nichts mehr zu tun. Seit Monaten freuen wir uns auf Thailand und jetzt wird aus dem Urlaub nichts und wir bleiben auf den Kosten sitzen.“ 

(O-Ton Individualreisender)

Ist die Corona-Pandemie bewältigt, glauben wir (und man muss kein Prophet sein, um das zu erahnen), dass die meisten Menschen in alte Verhaltensmuster zurückfallen, was das Reisen angeht. Oder auch schon früher — oder zu früh (siehe die schockierte Erkenntnis der ersten Malle-Touristen, dass Ballermann ohne Geballer wirklich langweilig ist)?

Ja, schon klar, keine Panik … wenn das so einfach wäre.

Und wenn wir nur speziell auf Jugendliche und junge Erwachsene blicken, die in diesem Jahr gelernt haben, dass es einen neuen unsichtbaren Feind gibt, einer, der nicht vor Landesgrenzen oder Ferien oder Urlaub haltmacht. Entstehen da gerade unbemerkt Traumata, die zu einem angstvollen Weltbild führen, weil sie die Vorsicht vor dem Unbekannten auch bewusst oder unbewusst von den eigenen Eltern eingeimpft bekommen?

Darauf haben wir noch keine Antwort, aber wir werden die Daten im Auge behalten.

„Aktuell sind wir uns in der Familie eigentlich einig, dass wir uns mit Kindern nicht gut fühlen, in Zeiten von Corona einen Familienurlaub zu machen. Ich habe einfach keine Lust, so viel Geld auszugeben, um dann, überspitzt gesagt, mit Mundschutz am Strand zu liegen und auf Dinge wie Frühstücksbuffet usw. verzichten zu müssen oder einfach Panik zu haben, die Kinder könnten sich irgendwo anstecken …“

(O-Ton Paulschaltouristin)

Fazit: Die wichtigsten Erkenntnisse (tl;dr)

Über allem steht der Wunsch nach Planungssicherheit. Deshalb werden es Reiseportale schwer haben, die nur preisoptimiert sind, da sie bei ungeplanten Ereignissen wie der Corona-Pandemie keinen Service bieten. Egal ob Pauschali oder Individuali: Verlässliche Partner in unsicheren Zeiten werden gesucht. Pauschalreisen mit Individualreise-Charakter werden an Attraktivität gewinnen, veranstaltet von Anbietern, die persönliche Ansprechpartner zur Seite stellen, die erreichbar sind und individuell beraten.

Spätestens seit den jüngsten Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen will doch auch der Mensch nicht mehr Teil einer anonymen Massenabfertigung sein. Das ist eine Chance für kleine Hotels oder Kleinstgruppenreisen, die sich wie Individualurlaub anfühlen, aber mit der Planungssicherheit einer klassischen Pauschalreise kombiniert.

Freiheit, Ruhe, Meer - eine unschlagbare Kombination für viele.

Das Interesse an Alternativen, die eine größere Freiheit versprechen, wie die Reise mit dem Wohnmobil, per Fahrrad oder Camping wächst! Dazu im 2. Teil dieser Serie mehr. In jedem Artikel blicken wir auf kurz- und mittelfristige Trends in der Reisebranche und entwickeln Ideen sowie Szenarien für potenzielle Innovationen.

Wer ist eigentlich dieses »wir«, das diesen Artikel verfasst hat? Wir sind Blood, Dadora und Dark Horse. Drei Agenturen, die kreative Innovationsentwicklung betreiben und leben. Für einige große Projekte bündeln wir unsere Expertisen: Dadora sammelt Daten und bereitet sie auf, Dark Horse entwickelt Konzepte für neue Produkte und Services und Blood setzt diese Konzepte um und bringt sie mit smarten Strategien in den Markt. Die Grenzen sind natürlich fließend. Alles geht Hand in Hand, von Anfang bis Ende. Wie bei einem dreiköpfigen Zerberus, aber in lieb.

Möchtest Du mit uns über Dein Thema sprechen und herausfinden, ob wir Daten, Hirnschmalz und Ideen haben, um Deine Probleme zu lösen, dann melde Dich gerne bei uns!

Die mobile Version verlassen